Nichts funktioniert

Warum funktioniert eigentlich nichts? Es scheint, als ob wir von einer Krise in die nächste schlittern. Und die Abstände werden immer kürzer. Da war im 2000 die New Economy mit ihrer geplatzten Dotcom-Blase, die Immobilien-/Finanz- und Wirtschaftskrise 2008, 9/11 und die Verbreitung des Terrorismus, die Migrations-, Klima- und jetzt die Corona-Krise. Die Zeit normalen Funktionierens ist zum abnormalen Zustand geworden, zur Verschnaufpause vor der nächsten Krise sozusagen.

Auffällig ist dabei, dass sich die Regierungen aus dem Multilateralismus zurückziehen, nicht etwa weil es auf der nationalen Ebene besser funktioniert, sondern weil es da auch nicht funktioniert und einem die eigenen Probleme näher sind als die übergeordneten. Neben den Regierungsorganisationen kämpfen aber auch die NGO und die Wirtschaft permanent mit Krisen, die sie teilweise selber verursachen. Es stimmt nachdenklich, dass es im Fall von Corona nur etwas mehr als einen Monat brauchte, um unser wirtschaftliches und gesellschaftliches System an den Rand des Zusammenbruchs zu führen. Dabei haben wir heute das Beste von allem. Nie in der Geschichte gab es besser ausgebildete Führungskräfte, höher entwickelte Technologien, bessere Forschung, bessere Produkte und Dienstleistungen und schließlich Zugang zu und Freiheit von … fast allem.

Sicher, vieles funktioniert ja auch. Die Behandlung eines Patienten im Spital, der Radio- und Fernsehempfang und das Internet, die Autofahrt, ein Flug von A nach B oder der Bau eines komplexen Gebäudes. Die Technologien, die Strukturen und Prozesse, die wir dazu brauchen, sind hochentwickelt und sie funktionieren meistens zuverlässig. Was nicht zuverlässig funktioniert, sind die Strukturen der Institutionen und Organisationen selbst. Sie machen es den besten Führungskräften schwer, wirksam zu werden. Sie sind langsam, schwerfällig, kompliziert, teuer, oder sie legen den Fokus auf die falschen Dinge.

Man sucht ja seit einigen Jahren wieder einmal intensiv an allen Enden nach neuen Organisationskonzepten. Aber wird man wirklich fündig bei der agilen Organisation, bei Scrum, Holacracy oder bei der hierarchiefreien Organisation? Beim Unternehmen ohne Chef? Oder sucht man vielleicht am falschen Ort, und es fehlt den Organisationen an etwas fundamental anderem?

Ein Flugzeug lässt sich erst dann steuern, wenn drei Achsen unter Kontrolle sind: die Längs-, die Quer- und die Höhenachse. Die ersten beiden Dimensionen hat man bald unter Kontrolle gebracht, denn lebensmüde Luftfahrtpioniere gab es viele. Das alleine genügt aber noch nicht. Um wirklich fliegen zu können, muss auch die dritte Dimension gesteuert werden. Erst die Gebrüder Wright haben 1905 mit ihrem Wright Flyer III, einem Doppeldecker mit Propeller, die letzte der drei Achsen unter Kontrolle gebracht. Und erst mit dieser Dreifachsteuerung wurde der aerodynamisch kontrollierte Motorflug möglich.

Der Steuerung unserer Unternehmen scheint auch eine dritte Dimension zu fehlen, die das Ganze zuverlässig zum Funktionieren bringt. Organisationen lassen sich allerdings besser mit Organismen als mit Flugzeugen vergleichen, denn sie steuern nicht nur die Flugrichtung, sondern ihre Existenz als Ganzes. Die Struktur, mit der Organismen steuern, umfasst die Anatomie mit den Organen, die Physiologie mit den Abläufen und die Neurologie für die Steuerung des Ganzen. In den Unternehmen gestalten wir die Anatomie mit den Organigrammen und die Physiologie der Geschäftsprozesse mit Flussdiagrammen. Die Neurologie hingegen, die dritte Dimension, gestalten wir nicht. Hier existiert ein weisses Feld in der Lehre wie auch in der Praxis.

Die Neurologie, das sind die Steuerungs- und Kommunikationsprozesse, die einen Menschen, ein Tier oder eben ein Unternehmen erst richtig auf Dauer zum Funktionieren bringen. Es ist die Neurologie, mit der wir Komplexität bewältigen, agil auf Unvorhergesehenes reagieren, trotzdem kohärent bleiben und vor allem rechtzeitig und weitsichtig handeln. Und umgekehrt, wenn wir die Neurologie unserer Unternehmen, ihre dritte Dimension, dem Zufall überlassen, funktioniert nichts.

Wenn wir nun nach Grundlagen für die Gestaltung der Neurologie eines Unternehmens Ausschau halten, stossen wir auf die Kybernetik, die Wissenschaft von der Steuerung- und Kommunikation, die vor rund 70 Jahren entstanden ist. Sie hat seither die Wirtschaft und Gesellschaft in allen Bereichen beflügelt, befeuert und revolutioniert – von der Automatisierung, Informatisierung bis hin zur Digitalisierung. Wenn wir dieses Wissen nun nicht nur auf die Technik, sondern auch auf die Steuerung und Kommunikation in unseren Unternehmen anwenden, wird eine weitere Revolution möglich. Zum Wohl der Menschen, damit die Dinge endlich funktionieren!

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